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Interview mit Hans-Joachim Fliedner

 
Hans-Joachim Fliedner gilt als der „Vater des Salmen“. Schließlich war der ehemalige Kulturamtschef federführend bei dem Vorhaben, den unscheinbaren Bau zu einem lebendigen Erinnerungsort zu machen. Im Interview erinnert er sich an die turbulenten Zeiten rund um das erste Freiheitsfest und die Widerstände, gegen die er sich bei der Umsetzung durchsetzen musste.
 
Herr Fliedner, erkennen Sie ihre Vaterschaft an?
 
In gewisser Weise: „Ja“. In den Anfängen stand ich allein. Aber (um bei Ihrem Bild einer Vaterschaft zu bleiben) zu jeder Vaterschaft gehört auch eine Mutterschaft.
Und da muss ich mehrere benennen:  Vom damaligen OB Martin Grüber mit der ersten einfühlsamen Bewusstmachung des Salmen im Jahre 1978, über die fachlichen Vorbereitungen mit namhafter Unterstützung von Prof. Dieter Langewiesche (Uni Tübingen) bis hin zur Vorbereitung des Freiheitsfestes mit unverzichtbaren Promotoren, wie Edgar Common und Michael Friedmann. Beide arbeiteten bis zu einem persönlichen Erschöpfungszustand. Dazu kommen unzählige Vereine, unser Wahlkreisabgeordneter Wolfgang Schäuble und Politiker in Stuttgart, Bonn und Berlin, die sich dem Thema gegenüber öffneten. In Berlin bis hin zum damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, dem ich in einer „privaten“ Kaffeerunde zu dem Thema im Schloss Bellevue vortragen durfte; in Stuttgart waren es zwei Kabinettsmitglieder der damaligen Regierungskoalition, die notfalls auch gegen eine nicht das volle Spektrum sehende Ministerin Korrektiv sein konnten. Von Johannes Rau ging ich damals mit seiner Zusage: Der Eröffnungstag des Salmen sei für ihn zwar noch ein „St. Nimmerleinstag“; aber er werde alles tun, zu diesem Ereignis entsprechend dessen übergeordneter Bedeutung zu kommen.
 
Der Salmen hat nach 1938 lange Jahre ein sehr profanes Schattendasein geführt. Warum war das so?
 
Nach der Pogromnacht im November war der Salmen im Inneren zerstört. Die Kriegsjahre mit Gefangenenunterbringung waren „tote Jahre“. Als ich 1972 in Offenburg gewählt wurde, interessierte sich niemand für die Gebäudegeschichte. Auch in der Ausstellung im Ritterhaus zu 1848, die ich beim Dienstantritt vorfand, war der Salmen nur mit den (ohne Kommentar in einem Behälter) greifbaren Forderungen von 1847 - präsent. Das heißt, das Salmengeschehen war nicht aufbereitet.
 
Wie sind Sie auf die Thematik aufmerksam geworden? Hat es geholfen, dass Sie ursprünglich nicht aus Offenburg kommen?
 
Um mit dem letzten zu beginnen: Ich meine, es hat sehr geholfen, dass ich mit geistigem Gepäck und offenen Fragen von auswärts kam. Das bringt Unbefangenheit. Diese Unbefangenheit war beim Salmen besonders wichtig im Hinblick auf seine jüngste NS-Vergangenheit. Es lebten ja noch deren damalige Promotoren. Sie und deren Nachkommen und Verwandte fühlten sich den Vätern, den Familien, den Freunden  verpflichtet. Das galt auch für den Offenburger Gemeinderat. Bei einer frühen „Kellereinladung“ nach einer Gemeinderatssitzung sang man noch Lieder aus der in der Jugend positiv erlebten HJ-Zeit.
 
Aufmerksam wurde ich auf die Thematik über die jüdische Geschichte zur NS-Zeit, die ich im Archiv in Mannheim ab 1965 zu bearbeiten hatte. Naturgemäß fragte ich mich: „Wie war das zur NS-Zeit in Offenburg?“ Das ebnete den Weg zum Salmen und zu anderen jüdischen Hinterlassenschaften im Ortenaukreis, unter anderem auch zum jüdischen Ritualbad in Offenburg, aber dann natürlich auch zu den Ereignissen von 1847 bis 1849. Das Ritualbad kannte ich nur aus völlig unzureichendem Schrifttum.
 
Wie ist es gelungen, die Offenburgerinnen und Offenburger für den Salmen zu begeistern?
 
Für die Begeisterung der Offenburger brachte die Bevölkerung drei entscheidende Voraussetzungen mit:
Einmal die große Feierfreude der Badener. Auch in den Jahren vor 1848 wurden die politischen Ideen über Feste verbreitet. Sangesfeste und Sängerwettstreite waren  ein wichtiger Promotor. Erstaunlich viel war auch in liberalen Familien noch rudimentär vorhanden.
Zweitens die Offenheit dem Thema gegenüber, wenn man in ungezählten Veranstaltungen klarmachte: „Geschichte“ hat mit „Geschehen“ zu tun. Und dieses Geschehen spielte sich damals nicht nur im fernen Wien, Berlin oder Paris ab, sondern fand auch hier in Offenburg in besonderer Ausprägung statt. Der Funke sprang immer über, wenn ich klarmachte: Eure Vorfahren bzw. Vorgänger im Gemeinderat waren Promotoren bei diesem Versuch, Deutschland in die demokratische Moderne zu führen. Ich weiß heute noch, wie z.B. der Altstadtrat Rudi Zipf nach der Klausurtagung im Gemeinderat positiv reagierte!
Und drittens die große Heimatliebe der Badener.
 
Wer waren Ihre Mitstreiter?
 
Einige habe ich ja bereits genannt. Bei den Institutionen nenne ich die Kirchen unter den damaligen Dekanen Schnappinger und Wahl und – auch ganz wichtig – beide Offenburger Lokalzeitungen.
Personen zu nennen ist immer schwierig; man kann nicht alle nennen. Nennt man Namen, setzt man ungewollt andere zurück. So habe ich mich auch auf zwei unverzichtbare Mitarbeiter beschränkt, die unter der Belastung zusammenklappten; einer von beiden zum Glück erst nach dem Freiheitsfest. Wenn Sie ausdrücklich fragen, so muss ich natürlich die damalige Verwaltungsspitze, allen voran OB Wolfgang Bruder und Christoph Jopen nennen, die mir am Tag des Festes, zu dem der Salmen nur angemietet war, mitteilten, dass sie den Salmen kaufen würden. Kauf und Restauration brachten damals die ganze Finanzplanung durcheinander.
 
Bei Mitstreitern, die nicht zu meinem Amt gehörten, beschränke ich mich auf drei Namen. Aus dem Dezernat des Oberbürgermeisters waren dies: Reinhard Männle und Helmut Honold. Dazu möchte ich noch einen Herrn im Bundesverwaltungsamt benennen: Herrn Niedernolte. In einem ersten Anlauf war die Anerkennung des Salmen, die (nicht von mir) nur auf Papier betrieben worden war, gescheitert. Dies zeigt, neben anderem, wie fremd die Maßgebenden in Bonn und Berlin dem Geschehen der Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts gegenüberstanden. Eigentlich war der Salmen mit dieser ersten Ablehnung des Entscheidungsgremiums aus dem Rennen. Wichtig ist aber stets der Beamte, der die Entscheidungen für ein Gremium vorbereitet. Und dies war eben jener Herr Niedernolte; er taucht bei uns nirgends in den Akten auf. Es gelang mir, ihn zu überzeugen. Er brachte die Frage der Anerkennung im Folgejahr in das Entscheidungsgremium erneut ein. Und da klappte es. Wir bekamen sogar noch eine kleine finanzielle Zuwendung im sechsstelligen Bereich aus nicht abgerufenen Mitteln. Bei der jetzigen Umgestaltung erhalten wir dafür umso mehr Zuschussmittel.
 
Gab es auch Widerstände? Und wie sind Sie damit umgegangen?
 
Die gab es und das nicht zu knapp - auch mich enttäuschende, die ich aber keinesfalls mit Namen benenne. Die Widerstände wuchsen, als absehbar wurde, dass wir mit dem anfänglichen Nischenthema Erfolg haben würden. Pauschal sage ich nur: Natürlich gab es auch Drückeberger in meinem Fachbereich; schlimmer war jedoch Widerstand von Leuten, die sich unter dem Vorwand von „Pietät“ in den Mittelpunkt stellen wollten und auch über politische Kanäle durch Fehlinformationen versuchten, in höchst ungewöhnlicher Weise Einfluss zu nehmen. Wie das geschah, wäre ein eigenes Interview.  Wir wollten ja, dass der Salmen ein Ort lebendigen kulturellen Austausches werden würde und keine „Weihestätte“. Wir wussten uns damals mit dem Zentralratsvorsitzenden Ignaz Bubis und unserer ehemaligen jüdischen Gemeinde im Einklang. Und diese Stimmen zählten für mich.
 
Wie sind Sie mit diesen Widerständen umgegangen?
 
Wichtig waren beim Umgang mit Widerständen hier vor Ort unser Gemeinderat und eine „Salmenkommision“. Nachdem ich in einer Klausurtagung des Gemeinderats zweieinhalb Jahre vor dem Freiheitsfest angeregt und begründet hatte, dass wir in den nächsten Jahren ein „großes Ding“ drehen wollen, trug ich in einer kleinen Kommission des Gemeinderates ein erstes Konzept vor. Der damalige CDU-Vorsitzende, Reinhard Schemel, der selbst an der Kommissionssitzung teilgenommen hatte, schrieb mir anschließend einen Brief, dass seine Fraktion dieses Konzept künftig voll mittragen werde. Ähnlich war es mit der SPD, die ja damals den OB stellte, auch wenn sie es nicht so eindeutig schriftlich festlegte. Nur in einer der beiden kleineren damaligen Gemeinderatsfraktionen, regte sich heftige Opposition. Doch mit einer satten Zwei-Drittel-Mehrheit, die nie wackelte, ist es angenehm zu arbeiten. Im Übrigen halte ich es bei allen Widerständen mit Helmut Kohl, der in einer Pressekonferenz 1984 zu seinem Regierungsstil sagte: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“