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Jörn Leonhard: "Frieden ist ein Prozess"

- 18.09.2025 - 

Wie lassen sich Kriege beenden? Oder von Jörn Leonhard bevorzugt: Wie enden Kriege? Antworten auf diese Fragen hat der Freiburger Historiker beim Salmengespräch am 12. September gegeben – strukturiert, differenziert und abwägend. Als Wissenschaftler könne er "ein paar neue Einsichten" liefern, allerdings kein Patentrezept. Feststeht für den Träger des Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preises: Frieden ist kein Moment. Frieden ist ein Prozess.

An den Beginn von Kriegen gebe es in der Regel bewusstere Erinnerungen – vom Prager Fenstersturz bis Pearl Harbor. "Das Ende ist sehr viel komplizierter, widersprüchlicher, vielgestaltiger." Ist der Krieg in den Köpfen zu Ende? Lässt sich dem Frieden vertrauen? Leonhard, der von Bürgermeister Hans-Peter Kopp im gut besuchten Salmensaal begrüßt wurde, stellte zehn Thesen zur Leitfrage "Frieden schaffen – aber wie?" vor. Er ging dabei bis zum Römischen Reich und dessen Auseinandersetzung mit Karthago zurück. Wobei er sich zunächst versprach und Rom als "Russland" bezeichnete: "Sie sehen, ich bin in der Gegenwart."

Ein "fauler Frieden" könne den Krieg verlängern – und je länger ein Krieg dauere, desto schwieriger werde es, Zugeständnisse zu machen. Sie würden wie Verrat an den Opfern wirken. Kriege würden eine nicht planbare Eigendynamik entwickeln, echte Entscheidungsschlachten seien selten. Wer noch Chancen auf dem Schlachtfeld sehe, werde den Krieg fortsetzen. Wirtschaftssanktionen könnten die Akteure nicht zu einem Frieden zwingen, die Anpassungsfähigkeit sei groß.

Die Natur des Krieges bestimme sein Ende. Nicht jeder Krieg ende mit einem formalen Frieden. Gerade für die Zeit nach 1945 attestierte der Experte häufig "brüchige Waffenstillstände". Die Zahl der klassischen Staatenkriege sei rückläufig, die Zahl der Bürgerkriege hingegen steige. Es gebe neue Formen des Krieges (etwa der Kampf gegen den Terrorismus), bei denen gar nicht klar sei, wer sich an den Friedenstisch zu setzen habe.

Miteinander reden, und zwar auf Augenhöhe – das gelte auch für Friedensschlüsse: Werden die Besiegten gedemütigt, handelt es sich nur um einen Waffenstillstand. Seit dem 1. Weltkrieg setze sich die Forderung nach "Selbstbestimmung" als globale Vokabel durch. Es gebe Erwartungen, die freilich realistisch sein müssten. Sonst sei die Fallhöhe zu groß. Frieden müsse stets neu verhandelt werden. Und schließlich sei nicht jeder Sieg ein Gewinn: Manche Niederlage werde zur Chance.

In der Diskussion mit Carmen Lötsch und Wolfgang Reinbold von der Stadt sowie dem Publikum outete sich der Zeitgenosse Leonhard als Skeptiker. Wobei er betonte: "Politische Prozesse sind gestaltbar."