Direkt zum Hauptinhalt springen

Hitler ist kein Ehrenbürger

- 18.07.2025 - 

Klarstellung angestrebt: Gemeinderat entscheidet über Bewertung der Beschlüsse von 1933

Adolf Hitler ist kein Ehrenbürger der Stadt Offenburg und auch nie ein solcher gewesen. Sollte der Gemeinderat am 28. Juli  zustimmen, wird ein Kapitel der Stadtgeschichte aus der NS-Zeit endgültig geschlossen. 

Eine entsprechende Verwaltungsvorlage stützt sich auf ein Gutachten des Historikers Wolfgang Gall. Neben Hitler sind fünf weitere Personen betroffen. Sie wurden vom NS-dominierten Offenburger Stadtrat im April und im Juli 1933 formal fehlerhaft, ohne Ehrungsverfahren und im Schnelldurchgang als "Ehrenbürger" durchgedrückt.
Laut Vorlage wird auch ein Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 1946 zur Aberkennung der Ehrenbürgerwürde präzisiert.
 
Im Einzelnen geht es um den damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, den Reichskanzler Adolf Hitler, den NSDAP-Gauleiter von Baden, Robert Wagner, sowie die NS-Minister in Baden, Karl Pflaumer, Walter Köhler und Otto Wacker. Letzterer war auch Mitgründer der Offenburger NSDAP.
 
Gauleiter Wagner war Initiator und Vollstrecker der Deportation der badischen Jüdinnen und Juden im Oktober 1940 in das Internierungslager nach Gurs.
Die weiteren NS-Funktionäre waren als badischer Ministerpräsident, Finanz- und Wirtschaftsminister (Köhler in Personalunion), Innenminister (Pflaumer) und Kultusminister (Wacker) unmittelbar an der Entrechtung, Enteignung und Deportation der jüdischen Bevölkerung beteiligt.
 
Die Genannten waren kurz nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes (24. März 1933) am 3. April bzw. am 31. Juli 1933 pauschal zu Ehrenbürgern erklärt worden.
 
Im zeitlichen Kontext stehen der Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte in Offenburg (1. April 1933), das Verbot der Zeitung „D’r alt Offeburger“ (18. März) sowie eine öffentliche Bücherverbrennung (17. Juni).
 
Reichsweit hatte bereits der Terror gegen Andersdenkende begonnen. Alle Parteien außer der NSDAP wurden aufgelöst oder verboten. Die kommunalen Gremien, so auch die Stadt- und Gemeinderäte, waren gleichgeschaltet.
Die Stadtratsbeschlüsse aus dem Jahr 1933, so die Argumentation, waren nicht frei. Unter dem Druck des zunehmenden Terrors hatten sie den Charakter einer Ergebenheitsadresse an das nationalsozialistische Regime und konnten keine Ehrenbürgerwürde begründen.
 
Bisher war man davon ausgegangen, dass ein Beschluss des Stadtrats aus dem Juni 1946 die Ehrenbürgerschaften aus dem Jahr 1933 rechtswirksam annulliert hat. Forschungen ergaben jedoch, dass auch dieser Beschluss fehlerhaft war.
Die Räte gingen 1946 davon aus, dass bei Hindenburg, Hitler und Wacker die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod erloschen war, ohne dazu eine weitere Erklärung abzugeben. Den damals noch lebenden Wagner und Pflaumer wurde die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Köhler wurde vergessen. Er lebte noch bis 1989. Seine Heimatstadt Weinheim hatte ihm die Ehrenbürgerwürde bereits zwei Tage nach Kriegsende entzogen.
 
In der Offenburger Stadtgesellschaft und in der Verwaltung wurde es gelebte Praxis, alle sechs genannten Personen nicht als Ehrenbürger zu betrachten, sie nicht als solche zu erwähnen und sie nicht in der Ehrenbürgerliste zu führen. Ein Beschluss des jetzigen Gemeinderates, die Beschlüsse von 1933 für unwirksam zu erklären, soll diese seit Jahrzehnten geübte Praxis nun auf eine sichere Grundlage stellen.