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Offenburgs Wirtschaftsförderer Marco Butz über den hiesigen Standort und seine Chancen

- 16.10.2025 - 

"Weichen sind richtig gestellt"

WIRTSCHAFT „Offenburg ist Wirtschaft“ wird Oberbürgermeister Marco Steffens nicht müde zu betonen. Doch was heißt das konkret? Was tut sich in der Kinzigstadt? Wie sind die Unternehmen aufgestellt? 

Marco Butz.

Herr Butz, mal ganz allgemein gefragt: Wie geht es der Offenburger Wirtschaft?

Marco Butz: Gar nicht mal so schlecht. Mit anderen Worten: Hier kommt die derzeit herrschende Rezession recht gedämpft an. Unsere Unternehmen klagen, wenn überhaupt, nur sehr leise. Nicht wenige wachsen auch in diesen Zeiten weiter und erweitern sogar – sofern sie noch die Fläche dafür haben.

Was macht den Wirtschaftsstandort Offenburg aus – und wie hat er sich in jüngster Zeit entwickelt?

Butz: Der Wirtschaftsstandort Offenburg ist sehr breit aufgestellt, d.h. wir dürfen uns glücklich schätzen, dass sich überdurchschnittlich viele Branchen innerhalb unserer Stadtgrenzen angesiedelt haben.

Warum glücklich?

Butz: Die Vielzahl an Branchen macht unseren Standort recht resilient gegen Krisen. Flapsig könnte man sagen: Irgendwas läuft immer. Offenbar haben entscheidende Menschen vor vielen Jahren die richtigen Weichen für Offenburg gestellt.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen und Chancen?

Butz: Da ich ein positiv denkender Mensch bin, beginne ich mit den Chancen. Auch hier haben wir wieder Glück. Das Glück, eine sehr anwendungsorientierte und unternehmensnahe Hochschule in unserer Stadt zu wissen. Diese bietet unseren Unternehmen – ganz gleich, welcher Größe – die Möglichkeit der Zusammenarbeit, Antworten auf ihre Fragen und Problemstellungen zu finden. Die Unternehmen wissen nur oft nicht um diese Qualitäten. Daher bin ich dem Gemeinderat sehr dankbar, dass er die Investition in einen Transfermanager bzw. eine Transfermanagerin unterstützt. Diese Stelle, die an der Hochschule angedockt und zu 50 Prozent von ihr getragen wird, soll das Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft werden. Konkret sollen über diese Stelle Themen aus der Hochschule zu den Anwendern und aus den Unternehmen zu den Wissenschaftlern getragen werden.

Eine große Chance ist auch der TPO-Nachfolger flow1986 als Nukleus für Start-ups, aber ebenso für alle etablierten Unternehmen. Hier sollen Fort- und Weiterbildungen, Hackathons, Gründungs- und Nachfolgeberatung stattfinden, um nur einige Themen zu nennen, hier sollen frische Geschäftsideen auf bereits erfolgreich am Markt befindliche Modelle treffen. Zu den Herausforderungen: Zuallererst ist das Thema Gewerbeflächen zu nennen. Wir verfügen schlicht über keine frei verfügbaren, eigenen städtischen Flächen mehr. Ohne Erweiterungsmöglichkeiten kann ein Unternehmen nicht gedeihen. Das schauen sich Unternehmerinnen und Unternehmer jedoch nicht lange an, wie ich in meiner beruflichen Laufbahn bereits vielfach erfahren musste. Sie wechseln nicht selten den Standort. Und welche Konsequenzen das für eine Stadt oder Gemeinde, für einen Wirtschaftsstandort bedeutet, muss ich gewiss nicht näher erläutern. Eine weitere Herausforderung betrifft übrigens ebenfalls Flächen – Einzelhandelsflächen. Die Leerstände in unserer Innenstadt sind an einer Hand abzählbar. Dabei handelt es sich in der Regel um kleine Flächen, bei denen es mitunter noch andere Probleme gibt, weshalb die Mietinteressenten nicht Schlange stehen. Ich weiß jedoch von Vertreterinnen und Vertretern renommierter Filialisten, dass sie gern in Offenburg eröffnen würden.

Woran mangelt es?

Butz: Leider fehlen auch hier derzeit die passenden Flächen. Womit wir wieder bei den Chancen sind: Ich bin mir sicher, dass wir mit den Sanierungen rund um den Bahnhof die Hauptstraße als Einkaufsstraße verlängern können, sodass auch diese Marken in Offenburg Platz finden. Schließlich ist die Innenstadt die gute Stube, das Aushängeschild unserer gesamten Stadt, weshalb wir Wirtschaftsförderung auch von der Innenstadt aus denken.

Sie stehen mit vielen lokalen Unternehmen im Austausch. Welche Wünsche werden besonders häufig geäußert?

Butz: Ganz klar, der Wunsch nach Erweiterungsflächen und nach einer Beschleunigung der Bürokratie bzw. der Verwaltungsarbeit. Während wir ersteres zu einem guten Teil noch selbst in der Hand haben, müssen wir bei zweiterem oftmals den Ball an Bund oder Land weiterspielen. Von dort kommen die meisten Hürden, die von der Stadtverwaltung überwunden werden müssen.

Was bringt eine starke Wirtschaft der Bürgerschaft ganz konkret?

Butz: Wohlstand. Wenn wir uns vor Augen führen, dass die Gewerbesteuer – verkürzt dargestellt – die Königseinnahme einer jeden Kommune ist, sollten Bürgerinnen und Bürger froh um jedes Unternehmen sein, das sich an einem Standort ansiedelt. Ohne sprudelnde Einnahmen können freiwillige Leistungen weder im kulturellen und sozialen Bereich noch im Sport finanziert werden.

Warum braucht Offenburg neue Gewerbegebiete?

Butz: Damit vor allem die Unternehmen vor Ort gedeihen können, weiterhin Menschen und deren Familien Arbeit und jungen Menschen über Ausbildungsplätze eine Zukunft bieten können, um das bereits Gesagte um weitere Punkte zu erweitern. Um das zu ermöglichen, braucht man idealerweise nicht nur ausreichend Gewerbeflächen für die aktuellen Bedarfe, sondern sollte darüber hinaus Gewerbeflächenvorsorge durch zusätzliche Flächen betreiben können. Wir haben weder Flächen für die kurzfristigen Bedarfe noch für die mittel- bis langfristige Vorsorge – schon unsere Bestandsunternehmen haben kaum Luft zum „atmen“.

Beim Gedanken an Gewerbegebiete kommen vielen Menschen sofort Bilder von unschönen Betonbauten mit wenig Grün in den Sinn. Wie sieht ein Gewerbegebiet der Zukunft aus?

Butz: Gewerbegebiete der Zukunft werden anders aussehen als die, die wir aus früheren Jahrzehnten kennen. Statt eintöniger Zweckbauten geht es heute um Architektur mit Qualität, um Grünflächen, Aufenthaltsräume und nachhaltige Materialien. Ein modernes Gewerbegebiet ist grüner, kompakter und klüger geplant. Begrünte Fassaden und Dachflächen, kleine urbane Wälder oder ‚Tiny Forests‘ verbessern das Mikroklima und schaffen Orte, an denen Mitarbeitende in der Mittagspause gern verweilen. Wichtig ist auch, Fläche sparsam zu nutzen. In Offenburg setzen wir dabei nicht auf Industrie mit rauchenden Schloten oder auf Logistiker mit riesigem Flächenverbrauch, sondern auf eine breite Branchenstruktur mit innovativen, technologieorientierten Unternehmen. So entstehen funktionale, nachhaltige und zugleich lebenswertere Gewerbestandorte.

Wirtschaft: Zahlen und Fakten

Zum nebenstehenden Interview zum Wirtschaftsstandort Offenburg ein paar Zahlen und Fakten: In Offenburg gibt es rund 2.500 Unternehmen. Es arbeiten hier 55.500 Beschäftigte, davon 43.520 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, wovon wiederum knapp 9.500 einen Industriearbeitsplatz haben (21,7 Prozent).
 
Auf 36.000 Einpendler*innen (darunter 29.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte) kommen 14.200 Auspendler*innen (darunter 11.500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte).
 
Die Hauptbranchen sind:
  • Produzierendes Gewerbe/Industrie mit Maschinen- und Anlagenbau, Sanitärarmaturen, Elektrotechnik und Elektronik, Stahlbau, Kunststoffverarbeitung etc.
  • Chemie & Labor/Präzisionstechnik
  • Verlags-/Medienwirtschaft mit Druck- und Verlagswesen, Kommunikation, Werbung, Medienunternehmen
  • Handel und Großhandel: Einzelhandel, Großhandel, Waren- und Servicehandel
  • Bauwesen/Bauhandel
  • sonstige Dienstleistungen wie unternehmensnahe Dienstleistungen, Finanz-/Versicherungs-/Bankwesen, Beratung, Gesundheit, Bildung & Forschung, professionelle Dienstleistungen
  • Handwerk: kleinere Produktions- und Reparaturbetriebe, Gewerbe (z. B. Sanitär-Handel, Konstruktion)
  • Transport & Verkehr
  • Gesundheit & Soziales: Pflegeeinrichtungen, medizinische Dienste, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, soziale Träger
  • Öffentliche Verwaltung/Versorger/Infrastruktur: Stadtunternehmen, Versorgungsbetriebe (Wasser, Strom, Abwasser), Verkehrsinfrastruktur, Verwaltungsdienste, Bildungseinrichtungen
  • Tourismus/Messen/Kultur
  • Kreativwirtschaft/Start-ups