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Demenzsimulation – ein Selbstversuch

- 23.04.2026 - 

Wenn man sich müht, es aber "einfach" nicht mehr klappt

Demenz ges Mit dem Anwendungsprogramm "Hands-on Dementia" können Personen, die nicht an Demenz erkrankt sind, erleben, wie sich die Symp-tome einer Demenz anfühlen. Das Demenz-Netzwerk und der Pflegestützpunkt Offenburg stellen den Parcours zur Verfügung. Zielgruppe sind Angehörige und Pflegekräfte. Die OFFENBLATT-Redaktion unternahm einen Selbstversuch.

Eigentlich ein Kinderspiel. Doch für Menschen mit Demenz wird der Alltag zur Dauerhürde.

In einem Raum der Abteilung Bürgerschaftliches Engagement, Ehrenamt und Beratung ist alles vorbereitet. Auf einigen Tischen befinden sich Holzrahmen, an deren hinteren Öffnung ein Spiegel steht. Daneben liegen Anleitung, Papier, Stifte. Weitere Utensilien warten auf ihren Einsatz. Fabienne Steiner vom Pflegestützpunkt gibt eine kurze Einweisung und bleibt die ganze Zeit in Reichweite. "Von uns ist immer jemand dabei", erklärt sie. Niemand werde allein gelassen. Denn manchmal kommen heftige Emotionen hoch. Oder die Probanden haben das Bedürfnis nach Austausch.

An jeder der 13 Stationen wird eine Alltagssituation von Erna Müller in den Blick gerückt. Erna ist eine fiktive Person. Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag für sie. Los geht es mit dem Anziehen. Ein Routinevorgang. Eigentlich. Doch wie ist es, wenn es Routine nicht mehr gibt? Wenn der Handgriff nicht mehr sitzt, wenn es unglaublich schwer fällt, das Knopfloch zu finden? Dicke Handschuhe dienen als Mittel, um sich einzufühlen. Der Knopf lässt sich kaum fassen, das Knopfloch scheint viel zu klein und viel zu eng zu sein. Zeitlupe heißt das neue Tempo. Wenn dann noch ein "Komm, beeil dich, wir müssen los" vernommen wird, geht gar nichts mehr. Wut steigt auf. Wut über sich selbst und das eigene Unvermögen. Wut über die anderen, die in einer Parallelwelt agieren.

Alles so anstrengend

Mit "Bürotätigkeit" ist eine weitere Station überschrieben. Es geht darum, eine Postkarte zum Geburtstag zu schreiben. "Das kriegen Sie ja wohl noch hin, oder?" Die Probandin greift zu Stift und Papier. Sie darf nur in den Spiegel schauen, der auf das Papier gerichtet ist. Den Namen schreiben? Nahezu unmöglich. So fühlt es sich an, völlig linkisch zu agieren. Spiegelverkehrt – okay, also in die andere Richtung. Wenn es so einfach wäre. Es funktioniert nicht. Und wenn, dann nur mit größter Mühe. Ein "G". Erkennt man das? Sieht aus wie ein Oval mit einem Strich nach außen. Alles unwahrscheinlich anstrengend. Im Begleittext heißt es, dass Erna Post von der Rentenversicherung erhalte. Sie versteht nicht, was sie tun soll. Einen Zettel ausfüllen und unterschreiben? Das ist zu viel. Erna begreift die Welt nicht mehr.

Was der Selbstversuch sehr überzeugend vermittelt: Man weiß nicht mehr, worauf man sich verlassen kann. Man will etwas tun, aber kann es nicht. Oder weiß nicht mehr, wie es geht. Man kann seinen Sinnen nicht mehr trauen, nicht mehr vertrauen. Das löst Unbehagen aus. Man strengt sich an, aber es klappt nicht. Es funktioniert irgendwie anders. Nur wie? Jede noch so kleine Tätigkeit wird wahnsinnig anstrengend. Nichts ist mehr selbstverständlich. Und weil alles so mühsam geworden ist, mag man irgendwann nicht mehr. Es ist tatsächlich zum Verrücktwerden.

Erfinder Leon Maluck

Entwickelt hat der 1997 in Remscheid geborene Leon Maluck das Programm. Er hatte sich schon während seiner Schulzeit mit Menschen beschäftigt, die an einer Demenz erkrankt sind: "Ich fand es schwer, richtig zu reagieren." Es habe ihn unsicher gemacht und auch irgendwie hilflos, "weil ich das ungewöhnliche Verhalten von Menschen, die an Demenz erkrankt sind, nicht verstehen konnte". 2015 begann er mit der Entwicklung von Hands-on Dementia. Durch die Simulation habe er sich schließlich sehr viel besser einfühlen können. Wer diese Verunsicherung und Orientierungslosigkeit am eigenen Leibe erfährt, dürfte künftig anders mit Menschen umgehen, die sich Tag für Tag mit dieser totalen Umkehrung der Lebenswelt auseinandersetzen müssen. Raum und Zeit geben keinen Halt mehr, sondern lösen sich so langsam auf.

Nach gut einer Stunde reicht es. Im Unterschied zu den Menschen, die an Demenz erkrankt sind, darf die Probandin in ihre Normalität zurück. Erleichtert atmet sie durch. Was nimmt sie mit? Es geht darum, sich in Geduld und Gelassenheit zu üben und nichts als selbstverständlich vorauszusetzen. Gibt es ein Richtig, ein Falsch? Oder ist es vielmehr ein Anders? Durch den Simulator dürfte sich zumindest die Toleranzschwelle erhöht haben.

Der Demenzsimulator kann am Weltalzheimertag, Montag, 21. September, wieder in der Abteilung Bürgerschaftliches Engagement ausprobiert werden. Nähere Informationen folgen. Fragen direkt an Leon Maluck und sein Team: demenz@hands-on-dementia.info.

Wenn Einfaches schwer wird.