Herr Broß, welche Gründe sprachen dafür, das Jagdausübungsrecht ab 1. April 2016 sukzessive in Eigenregie zu übernehmen?
Andreas Broß: Die waldbauliche Situation war sehr unbefriedigend. Daran änderten auch intensive Gespräche mit den damaligen Jagdpächtern nichts. Die vorhandenen Naturverjüngungsansätze wurden sehr stark vom Rehwild abgeäst, es konnte kein junger Wald natürlich nachwachsen. Der weit überwiegende Teil der Verjüngungsflächen musste kostenintensiv gepflanzt und gezäunt werden.
Welche Auswirkungen hatte diese Entscheidung für den Offenburger Stadtwald?
Broß: Zunächst einmal musste die jagdliche Infrastruktur geschaffen werden, also Hochsitze gekauft und aufgestellt werden, es wurden Kühlmöglichkeiten für das Wildbret benötigt, der Regiejagdbetrieb musste etabliert werden. Waldbaulich stellten wir uns auf eine längere Übergangsfrist ein, bevor erste Erfolge sichtbar würden. Tatsächlich zeigte sich aber schon nach zwei bis drei Jahren, dass zunächst kleinere Gruppen von jungen Bäumchen, meist Hainbuchen und Bergahorn, ohne Schutzmaßnahmen unbeschädigt wachsen konnten. Im Laufe von weiteren drei bis vier Jahren verjüngten sich zusätzliche Baumarten. Besonders die beim Rehwild stark beliebte Stieleiche, die nun nur noch gegen die Konkurrenz anderer Baumarten unterstützt werden musste. So erzielen wir jetzt auch vor dem Hintergrund des Eschentriebsterbens und der zunehmenden Klimaveränderung ein genetisch vielfältiges Artenspektrum und Bäume mit unbeeinflusstem Wurzelwachstum die tiefere Grundwassersschichten erschließen können. Die finanziellen Aufwendungen für die Jagd werden durch eine Reduktion der Kosten für die Pflanzung, durch zu erwartende höhere Holzqualitäten und -mengen und die beschriebenen ökologischen Vorteile aufgefangen.
Mit Übernahme der Jagd ging auch der Aufbau einer professionellen Wildbretvermarktung einher. Ihre Erfahrungen?
Broß: Zu Beginn unserer Regiejagd haben wir alle Rehe in der Decke (also mit „Fell“) verkauft. Hierbei erreichten wir nur die Gastronomie oder Metzgereien, kaum Privatpersonen als Kundschaft. Als die Hygieneanforderungen auch bei Gaststätten strenger wurden, erwirkten wir eine eigene Zulassung nach der Tier-Lebensmittelhygieneverordnung und durften damit Wild zerlegen und in portionierten Stücken vermarkten. Wir entwickelten in Zusammenarbeit mit Metzgereien weitere Produkte und verarbeitete Waren. Dadurch hat sich der Kundenkreis stetig erweitert. Als weiterer Schritt zur Professionalisierung wird derzeit eine neue Wildkammer gebaut.
Hintergrund: Regiejagd, auch Eigenbewirtschaftung genannt, ist eine Form der Jagdnutzung, bei der beispielsweise eine Kommune das Jagdrecht auf eigener Fläche selbst verwaltet.








