Manche Erfahrungen lassen sich nur schwer in Worte fassen. Die Tänzerin und Choreografin Rica Lata Matthes hat deshalb eine andere Ausdrucksform gewählt: den Tanz. Sie selbst war mehrere Jahre von Magersucht betroffen: "Als ich 2019 eine Bekannte verlor, war das für mich der ausschlaggebende Moment, das Projekt weiterzuverfolgen", so die 48-Jährige.
Gemeinsam mit der Psychotherapeutin Anastasia Gotzhein entwickelte sie eine Performance, die persönliche Erfahrungen mit Bewegung, Musik und gesprochenen Stimmen verbindet. Dafür wurden anonyme Interviews geführt. Rund 20 Rückmeldungen gingen ein. Gotzhein entwickelte den Fragebogen und begleitete den Prozess auch therapeutisch. Aus den Antworten entstand eine Tonspur mit eingesprochenen Stimmen, die während des Tanzstücks zu hören sind.
Die Bewegungen entstanden in zwei Workshops gemeinsam mit ehemals und indirekt Betroffenen. Alle arbeiteten auf Augenhöhe zusammen. Auch die Kostümbildnerin brachte eigene Erfahrungen mit einer Essstörung mit ein. Auf der Bühne stehen vier Frauen: eine professionelle Tänzerin, eine Tanztherapeutin, eine Laientänzerin und Matthes selbst als Choreografin.
Gotzhein kennt die Herausforderungen aus ihrer therapeutischen Praxis. „Mir wurde klar, dass man die Menschen mit Worten allein nicht immer erreicht“, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass der Körper einen eigenen Zugang ermöglicht. Auch der Kontakt zu Menschen, die eine Erkrankung überwunden haben, könne Mut machen.
Matthes und Gotzhein ergänzen sich dabei: Während die Künstlerin über Tanz und Wahrnehmung einen anderen Zugang zum Thema eröffnet, bringt Gotzhein ihr psychotherapeutisches Wissen ein. Nach den Aufführungen gibt es deshalb Podiumsdiskussionen, bei denen die 42-Jährige Fragen beantwortet und Gespräche begleitet.
Matthes möchte die Performance auch an Schulen bringen. Das Grimmelshausen-Gymnasium in Offenburg ermöglichte 2026 eine Aufführung für Schüler*innen. Weitere Aufführungen gab es an der Kunstschule Offenburg und in Lahr.
Die Rückmeldungen zeigen, dass das Stück weit über Menschen mit einer Essstörung hinauswirkt. Auch Zuschauer*innen ohne eigene Betroffenheit fühlten sich angesprochen. Themen wie Körperbild, Selbstzweifel und Selbstannahme betreffen viele Menschen.
Die Bürgerstiftung St. Andreas unterstützte die Performance mit 2.000 Euro. Damit trägt sie dazu bei, gesellschaftlich wichtige Themen sichtbar zu machen und kulturelle Projekte in Offenburg zu ermöglichen, die Menschen zusammenbringen und neue Perspektiven eröffnen.
Matthes und Gotzhein möchten die Verbindung von Kunst und Therapie weiterentwickeln. Im März 2027 ist ein Gastspiel in Senftenberg im Rahmen einer politischen Bildungsveranstaltung geplant. Anfragen für weitere Auftritte sind per E-Mail an RicaLata@gmx.de möglich.











