Elife Gözgen kam als 24-Jährige nach Deutschland, völlig auf sich allein gestellt. Sie kannte weder Sprache noch hiesige Gepflogenheiten. Das Essen war ihr fremd, es gab keine Telefonverbindung. Sie wusste nur: "In Deutschland kann man Geld verdienen." Das wollte sie – und dann rasch wieder in die Heimat zurück. Ihr Mann Hüsnü war Schafshirte und blieb lieber bei seinen Tieren in Eskisehir, einem Dorf zwischen Istanbul und Ankara. Außerdem war da der 1969 geborene Ahmet. Auch er blieb am Bosporus. Bis 1975.
Elife hatte über zwei Bekannte von Almanya gehört. Man müsse in einem Büro in der Stadt einen Antrag stellen. Das tat die junge Frau. In Istanbul musste sie sich einer Hygieneuntersuchung unterziehen. Mit dem Flugzeug ging es nach Frankfurt am Main. Von dort mit dem Zug nach Oppenau. Am Bahnhof wurde sie schon von ihren Arbeitgebern erwartet. Elife arbeitete drei Wochen in einem Hotel, putzte, wusch das Geschirr. Mittwochs hatte sie frei und traf sich mit Landsleuten am Ortsbrunnen. Nach drei Wochen war das Heimweh nach ihrem Baby so groß, dass sie sich an ihren Onkel in Offenburg wandte: "Ich will zurück in die Türkei." Der Verwandte sorgte dann dafür, dass sie bei den Otto Textilwerken in der Wilhelm-Bauer-Straße anfangen konnte – als ungelernte Kraft. Von 3000 Mitarbeitenden waren 2500 Landsleute. Das Heimweh wurde weniger, 1971 kam ihr Mann nach. 1972 wurde Mitat in Offenburg geboren; er ist mittlerweile deutscher Staatsbürger. Nach einer Woche stand Elife wieder in der Fabrik. Als ihr Chef sah, dass sie Milch verlor, konnte sie zum Stillen in die Wohnung.
1974 wurde Brüderchen Akin geboren. Je mehr die Söhne im deutschen Alltag zuhause waren, desto weniger wurde der Wunsch laut, ins Land der Ahnen zurückzukehren. Es gab allerdings regelmäßige Türkeibesuche. Drei Tage war die Familie mit dem Auto für eine Strecke unterwegs.
Würde sie es wieder so machen? Elife Gözgen lächelt und nickt: "Ja. Es geht mir gut." Die 80-Jährige lebt inzwischen bei ihrem Sohn in Schutterwald. Die beiden Enkelsöhne studieren. "Die machen, was sie wollen."
Rukiye Erdem: "Es war ein Riesenschritt"
1964 kam der gelernte Maurer Nuri Erdem aus ärmlichen Verhältnissen nach Deutschland. Der Mann aus Anatolien arbeitete im Mercedes-Stammwerk in Untertürkheim und sparte, was er sparen konnte. Es sei ein Riesenschritt gewesen, erinnert sich seine Witwe Rukiye Erdem – Nuri starb 2022.
Wegen eines Todesfalls war er 1967 zunächst in die Türkei zurückgekehrt. Doch schon bald brach er erneut nach Almanya auf und wurde nach Berghaupten geschickt – die "Gastarbeiter" mussten dorthin, wo sie gebraucht wurden. Bald schon beschloss er, seine Frau und die fünf Kinder Cavit, Seriff, Efendi, Güler und Güllü nachzuholen. 1973 war die Familie schließlich vereint. Ruhiye war Hausfrau, kümmerte sich um die Kinder und lernte mit der Nachbarin Deutsch – im Gegenzug packte sie bei der Kartoffelernte an. 1978 hatte Nuri Erdem beschlossen, ein Haus zu kaufen, in Elgersweier gab es eine entsprechende Immobilie. Der Vater legte großen Wert darauf, dass die Töchter einen Beruf erlernten.
Während Güler Einzelhandelskauffrau wurde und sich später zur Kosmetikerin umschulen ließ, wurde ihre Schwester Güllü Friseurin. In jener Zeit wurde auch in Deutschland erst die Familienrechtsreform verabschiedet: Mütter und Ehefrauen konnten seither ohne Rechtfertigung einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Nuri Erdem war fortschrittlich.
Deutsch zu lernen war ganz zentral: "Denn es war klar, wir bleiben hier." Die Erdems sind Aleviten: "Wir sind anders erzogen als unsere muslimischen Landleute", unterstreicht Tochter Güler. Die deutsche Gesellschaft unterschied lange nicht zwischen Moslems und Aleviten: "Wir waren die Türken." Der Brandanschlag auf einem alevitischen Kulturfestival 1993 in Silvas gilt als Wendepunkt für den alevitischen Zusammenhalt. 1994 gründete sich in Offenburg die alevitische Gemeinde. Heute ist die 83-jährige Rukiye das älteste Mitglied.
Sie würde diesen Weg wieder gehen: "Wir wurden freundlich empfangen. Ich fühle mich willkommen." Rukiye Erdem fügt hinzu: "In der Türkei habe ich Angst. Hier nicht."
Hintergrund:
Wirtschaftlicher Aufschwung der 1950er- und 1960er-Jahre: hoher Arbeitskräftebedarf in Industrie, Bauwirtschaft und Dienstleistungen. Anwerbeabkommen von 1961: Arbeitsmigration zunächst als zeitlich begrenzter Aufenthalt gedacht.
Ausgangslage in der Türkei: Armut, insbesondere in ländlichen Regionen, Hoffnung auf Einkommen, Ersparnisse und bessere Zukunft. Erwartung vieler Arbeitsmigranten: Einige Jahre arbeiten, Geld sparen und in die Heimat zurückkehren. Die Realität: Familiennachzug, neue soziale Beziehungen und dauerhafte Perspektive in Deutschland.
Bis zum Anwerbestopp 1973 etwa 867.000 bis 900.000 Einreisen türkischer Arbeitskräfte. Frauenanteil laut den genannten Auswertungen des Zentrums für Türkeistudien: rund 21 Prozent, Männeranteil: rund 79 Prozent.
Seit den 1970er-Jahren entstanden eigene Vereine, Gemeinden und Interessenvertretungen als Orte der Begegnung, Unterstützung und Teilhabe.
Beispiele aus Offenburg: Türkischer Elternbeirat und Vorgängerverein: ab 1976 Moscheeverein: 1978 Ata Spor (Sportverein): 1985 Alevitische Gemeinde: 1994 Kommunalpolitische Beteiligung: Ausländerbeirat ab 1982; Umstrukturierung zum Integrationsbeirat 2004.
Ohne die Arbeitsmigranten wäre der wirtschaftliche Aufschwung so nicht möglich gewesen. Aus einer Geschichte der Anwerbung ist eine gemeinsame deutsche Geschichte geworden.
Podiumsdisskusion:
Die Stadt Offenburg nimmt 65 Jahre Anwerbeabkommen zum Anlass, am Donnerstag, 12. November, 19.30 Uhr zu einer Podiumsdiskussion ins SFZ Innenstadt einzuladen.
Der Eintritt ist frei. Die Expertin für Migration und Bildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Professorin Havva Engin, wird daran teilnehmen. Die Organisation übernehmen das Inte-grationsbüro der Stadt Offenburg gemeinsam mit den Offenburger deutsch-türkischen Kulturvereinen. Die Einladung wird getragen von dem Max-Frisch-Zitat: "Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen."
In der Stadtbibliothek gibt es zum Thema einen Büchertisch.